27.05.2002
    Kommentar
    Georg Fülberth

    Die Pfeife

    Die PDS-Führung und der Bush-Besuch

    Vielleicht bedeutet der 23. Mai 2002 einen Wendepunkt in der Entwicklung der PDS. Gemeint ist nicht die Tatsache, daß Ulla Jelpke, Heidi Lippmann und Winfried Wolf während der Bush-Rede im Bundestag ein Antikriegstransparent zeigten. Für eine sozialistische und Friedenspartei ist das eine Selbstverständlichkeit. Dazu braucht man kein Karl Liebknecht zu sein.

    Bemerkenswert wird der Vorfall allein durch den völligen Gesichtsverlust des Fraktionsvorsitzenden Roland Claus. Offenbar hat er dem Bundestagspräsidenten Thierse versprochen, die PDS werde nicht auffällig. Nach der Sache mit dem Transparent fühlte er sich bloßgestellt. Jetzt hatte er mehrere Möglichkeiten: Wenn er dramatisieren wollte, konnte er zurücktreten. Dies wäre unverhältnismäßig gewesen. Claus konnte natürlich fraktionsintern ein großes Theater aufführen und die drei Aufrechten heruntermachen. Das gehört zum Job. Am vernünftigsten wäre natürlich gewesen, er hätte wenigstens nachträglich erkannt, daß Jelpke, Lippmann und Wolf der PDS auch unter Werbegesichtspunkten einen Dienst erwiesen haben.

    Statt dessen spielte Claus beim Bush den Klassenstreber. Der Präsident soll ihm geantwortet haben: »Die Demokratie hält das aus.« Wenn ich mir diese Wörter ins Texanische rückübersetze und anschließend wieder verdeutsche, dann hat Bush dem Claus wohl gesagt, er solle sich nicht in die Hosen machen. Die SED-Nachfolger würden irgendwann auch noch lernen, daß Protest nicht genehmigungspflichtig ist. Interessant ist, daß der solchermaßen Zurechtgewiesene diese Geschichte anschließend stolz herumerzählt hat. Dumm ist er also auch noch.

    Wer bislang die PDS-Entwicklung von links her kritisch beobachtet hat, durfte doch allemal seinen guten Humor behalten. Die vielen Entschuldigungsarien und sonstigen Opportunismen mochten ehrliche Leute empören - der PR-connaisseur zwinkerte mit den Augen und wußte: Unter dem Gesichtspunkt des »Ankommens« und der Stimmen-Maximierung war es gut gemacht.

    Seit dem Eiern der Berliner PDS-Senatstruppe vor dem Bush-Besuch und insbesondere dem Claus-Reinfall ist das anders geworden. Es handelt sich nicht mehr um Gerissenheit, sondern um Hilflosigkeit und Führungsschwäche. Das Personal ist verbraucht. Um den Wiedereinzug in den Bundestag muß gefürchtet werden.

    Linke Leute werden die PDS wohl dennoch im Wahlkampf unterstützen müssen. Nachdem Heidi Lippmann keine Lust mehr hat, geht es immerhin ja auch darum, daß Ulla Jelpke und Winfried Wolf ihre Mandate behalten. Dafür schlucke ich Bartsch, Claus und Pau gerne. Nach der Wahl aber wird die - hoffentlich - neue Fraktion sich überlegen müssen, ob sie ihren Scharping-Verschnitt als Vorsitzenden behalten will. Meiner Meinung nach sollten entweder Ulla Jelpke oder Winfried Wolf gegen ihn kandidieren. Natürlich können sie nicht gewinnen. Vielleicht aber führt die dann fällige Debatte dazu, daß die PDS-Fraktion nicht gerade ihre größte Pfeife an die Spitze stellt, sondern eine etwas kleinere.


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